Interview Urs Kessler


Urs Kessler
Direktor JB

Herr Kessler, wo stehen die Berner Oberland-Bahnen heute?
Die Berner Oberland-Bahnen AG ist eine wichtige und selbstbewusste Partnerin innerhalb der Jungfraubahnen und damit Teil des weltbekannten Ausflugsziels Jungfraujoch – Top of Europe. Sie weist mit über 80 Prozent im Vergleich mit anderen Bahnen einen aussergewöhnlich hohen Kostendeckungsgrad auf. Dies ist auf die Gäste zurückzuführen, welche auf dem Weg zum Jungfraujoch die Berner Oberland-Bahn (BOB) nutzen. Die strategische Allianz, welche die BOB mit der Jungfraubahn Holding AG (JBH) bildet, ist daher ein wichtiger Teil der Erfolgsgeschichte BOB. Die heute top moderne Talbahn ist aber für die gesamte Region ein Gewinn. Wir sind stolz, dass wir unseren Gästen sowie der einheimischen Bevölkerung neustes Rollmaterial bieten können. Mit der Eröffnung des neuen Depots Anfang 2017 verfügt die BOB zudem über modernste Arbeitsplätze in der Werkstätte. Erstmals in der Geschichte bieten wir ab Fahrplanwechsel im Dezember 2017 an 365 Tagen im Jahr für den Ausflug zum Jungfraujoch einen durchgehenden Halbstundentakt ab Interlaken Ost, wovon Pendler wie Touristen profitieren.

Welches sind die grössten Herausforderungen in den nächsten 5 Jahren?
Die BOB befindet sich in einer investitionsreichen Phase. Sie ist im Rahmen der Allianz eine wichtige Partnerin des Projekts V-Bahn, namentlich mit der neuen Haltestelle Rothenegg, welche dank des direkten öV-Anschlusses ein bequemes Umsteigen ins Skigebiet erlauben wird. Die Reisezeit wird sich massiv reduzieren, es wird eine Verlagerung von der Strasse auf die Schiene stattfinden. Dieses strategische Projekt gilt es, möglichst zeitnah umzusetzen. Ein weiterer Ausbauschritt der BOB im Rahmen des V-Bahn-Projekts ist im Programm STEP 2030 angemeldet. Die Verkehrsstudie zur V-Bahn sieht in einem zweiten Teil vor, auf dem Flugplatzgelände in Matten bei Interlaken eine zusätzliche Haltestelle zu bauen, dies um auch künftige Verkehrsaufkommen bewältigen zu können. Von hier sollen Shuttlezüge zum Terminal der V-Bahn nach Grindelwald fahren, um an Spitzentagen die Strasse durch ein P+R-Angebot am Eingang zu den Lütschinentälern zu entlasten. Es bietet sich die Gelegenheit, dieses Vorhaben mit der behindertengerechten Neugestaltung des Bahnhofs Wilderswil zu koordinieren und daher zeitlich vorzuziehen.

Was brachte die Mitgliedschaft bei RAILplus in der Vergangenheit?
Die Vorteile von RAILplus sehe ich vor allem im regelmässigen Austausch unter den verschiedenen Bahnen sowie das Poolen von Know-how durch die Fachgruppen aus den Bereichen IT, HR oder Qualitäts- und Sicherheitsmanagement. Was konkrete, sichtbare Resultate betrifft, besteht noch Potenzial.

Welche Erwartungen stellen Sie für die Zukunft an RAILplus?
Im Hinblick auf die auf Veränderungen im öV, welche auf uns zukommen, sind gemeinsame Strategien und Vorgehensweisen zu entwickeln. Im Fokus stehen für mich folgende vier Themen:
  • Erfolgreiche Lösungsfindung in Bezug auf die zunehmenden Pendlerströme, Stichwort: «Smart Work».
  • Thema: «Mobilität von Tür zu Tür»
  • Optimaler Umgang mit dem Angebot von Fernverkehrsbussen. Das Parallelsystem ist nicht zu verhindern.
  • Kernthema ist aus meiner Sicht die erfolgreiche Bekämpfung der ruinösen Preispolitik, welche beispielsweise durch Angebote von Swiss Travel System genährt wird. Der Durchschnittsertrag muss zu einer zentralen Messgrösse im öV werden, nicht nur die Frequenzen. Zu entwickeln ist eine nachhaltige Sortiments- und Preisstrategie auf nationaler und internationaler Ebene.
Zum Schluss eine persönliche Frage:
Wie viele Meter misst Ihre Modelleisenbahn zu Hause?

Ich wohne in Interlaken, also in nächster Nähe zur BOB. Ich bin sehr oft auf unserem Streckennetz unterwegs und überzeuge mich selbst von der Qualität, welche wir unseren Gästen tagtäglich bieten wollen. Das direkte Bahnerlebnis und der Kontakt zu unseren Mitarbeitenden
vor Ort sind für mich zentral, da benötige ich keine Modelleisenbahn zuhause (schmunzelt).


Veröffentlicht am
07:34:40 18.12.2017